Paris – Das Adeno-assoziierte Virus 2, ein bislang für harmlos gehaltener Erreger, der deshalb in der Gentherapie benutzt wird, ist möglicherweise Auslöser einer Variante des hepatozellulären Karzinoms, das ohne vorherige Zirrhose auftritt. Dies zeigen Forschungs­ergebnisse in Nature Genetics (2015; doi: 10.1038/ng.3389).

 

Ein Team um Jessica Zucman-Rossi von einem INSERM-Forschungslabor an der Universität Paris hatte ursprünglich die Auswirkungen eines Onkogens auf die Entwick­lung von hepatozellulären Karzinomen (HCC) untersucht, als es in der Nähe des tumorfördernden Gens auf Spuren des Adeno-assoziierten Virus 2 (AAV2) stieß. Die genauere Untersuchung an Zellen ergab, dass das AAV2-Gen in der Lage war, das Onkogen zu aktivieren.

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Dies beweist zwar noch nicht, dass AAV2 in der Lage ist, Leberkrebs auszulösen. Die Suche nach AAV2-Genen in 193 weiteren HCC ergab aber, dass elf Tumore Gene von AAV2 enthielten. Diese Gene wurden laut Zucman-Rossi in der Nähe von Onkogenen gefunden, die das Wachstum der Tumore vorantreiben können. Die Forscher fanden auch Anzeichen, dass die Einsprengsel der AAV2-Genen tatsächlich die Onkogene aktivieren. Außerdem zeigten die Patienten mit AAV2-assoziierten HCC einige Besonderheiten: Acht der elf Patienten waren vor dem Leberkrebs nicht an einer Zirrhose erkrankt (wie dies beim HCC sonst der Fall ist). Sechs Patienten hatten keine bekannten Risikofaktoren für das HCC wie Alkoholabusus, Hepatitis B oder Hepatitis C.

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Abstract der Studie in Nature Genetics
Pressemitteilung von INSERM
Die Befunde überraschen, weil AAV2 bisher beim Menschen nicht mit Erkrankungen in Verbindung gebracht wurde. Er scheint nicht einmal einen Schnupfen auszulösen, geschweige denn eine Krebserkrankung. Es war aber bekannt, dass das Virus seine Gene in infizierten Zellen ablegen kann. Die Tatsache, dass sich AAV2 als „Depen­dovirus“ im Menschen nur bei einer gleichzeitigen Infektion mit anderen kompletten Adenoviren vermehren kann, trug ebenfalls zum Ruf der Harmlosigkeit bei.

AAV2 wird deshalb häufig als „Genfähre“ bei der Gentherapie genutzt. Laut Zucman-Rossi sind bisher keine Fälle von Leberkrebs bei gentherapierten Patienten beobachtet worden. In zwei Mäusemodellen sei dies jedoch beobachtet worden. Selbst wenn AAV2 ein HCC auslösen kann, dürfte die Gefahr gering sein. Etwa 30 bis 50 Prozent aller Menschen infizieren sich im Verlauf des Lebens mit AAV2. Das HCC ist dagegen – in Ländern mit geringer Hepatitis B- oder C-Prävalenz – sehr selten. Die meisten HCC entstehen zudem auf dem Boden einer Zirrhose bei Patienten mit bekannten Risikofaktoren.

© rme/aerzteblatt.de

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